Merowinger kehrten für einen Tag zurück nach Berstadt
Rund 1.500 Jahre nach ihrer Entstehung und etwa 20 Jahre nach ihrer Entdeckung sind einige der bedeutenden Merowingerfunde aus Berstadt für einen Tag an ihren Fundort zurückgekehrt. Im Rahmen des Tags des offenen Denkmals konnten Besucherinnen und Besucher in der Evangelischen Kirche Berstadt ausgewählte Originalfundstücke aus dem frühmittelalterlichen Gräberfeld besichtigen und sich über den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung informieren.
Das Gräberfeld war vor rund zwei Jahrzehnten bei Erschließungsarbeiten im Wölfersheimer Ortsteil Berstadt entdeckt worden. Mit mehr als 400 Bestattungen zählt es zu den größten frühmittelalterlichen Gräberfeldern nördlich des Mains. Die Funde stammen aus der Zeit der Merowinger, die vom ausgehenden 5. bis in die Mitte des 8. Jahrhunderts große Teile Europas prägten. Von besonderer Bedeutung ist dabei nicht nur die Größe des Gräberfeldes, sondern vor allem die außergewöhnliche Qualität und Vielfalt der Grabbeigaben.
Normalerweise werden die Originalfundstücke unter kontrollierten Bedingungen aufbewahrt und sind öffentlich nicht zugänglich. Umso größer war das Interesse an der Ausstellung in Berstadt. Kreisarchäologe Dr. Jörg Lindenthal stellte bei einem Vortrag die bisherigen Erkenntnisse vor und ordnete die Funde in ihren historischen Zusammenhang ein.
Die Grabbeigaben geben wichtige Hinweise auf die gesellschaftliche Stellung der Menschen, die vor rund 1.500 Jahren in der Region lebten. Gleichzeitig zeigen sie, dass die Wetterau bereits damals in weitreichende Handels- und Verkehrsverbindungen eingebunden war. Kontakte und Einflüsse lassen sich bis nach Südfrankreich und in das heutige England nachvollziehen. Die nördliche Wetterau lag damit offenbar schon im frühen Mittelalter an einem bedeutenden Schnittpunkt überregionaler Verkehrswege.
„Die Funde zeigen eindrucksvoll, wie weit die Geschichte unserer Ortsteile zurückreicht“, betonte Bürgermeister Eike See bei der Eröffnung. „Es ist etwas ganz Besonderes, Originalstücke, die vor rund 1.500 Jahren hier in Berstadt genutzt und schließlich mit den Verstorbenen bestattet wurden, heute wieder an ihrem ursprünglichen Ort zeigen zu können.“
Auch der historische Veranstaltungsort passte zum Tag des offenen Denkmals. Die Evangelische Kirche Berstadt, deren Baugeschichte mindestens bis in das Jahr 1255 zurückreicht, bildete den Mittelpunkt der Ausstellung. Führungen durch die Kirche und den Kirchturm mit Jörn Weber ergänzten das archäologische Programm.
Der Tag stand unter dem bundesweiten Motto „NetzWERKE“. Dieses spiegelte sich in Berstadt nicht nur in den historischen Verbindungen der Merowingerzeit wider, sondern auch in der Organisation der Veranstaltung. Der Arbeitskreis Dorfentwicklung arbeitete nicht nur mit dem Förderverein der Evangelischen Kirche Berstadt, sondern mit vielen weiteren Akteuren zusammen. Die Gemeinde Wölfersheim unterstützte die Kreisarchäologie dabei die Ausstellung zu ermöglichen. Gemeinsam mit Vereinen konnte ein umfassendes Programm auf die Beine gestellt werden.
Nach der Eröffnung durch Kreisarchäologe Dr. Jörg Lindenthal, Bürgermeister Eike See und Dekan Volkhard Guth sorgte der Gesangverein Eintracht Berstadt für die musikalische Umrahmung. Im weiteren Tagesverlauf schlossen sich ein Gottesdienst sowie ein geselliges Programm auf dem Turnplatz an. Für die Bewirtung sorgten verschiedene örtliche Akteure. Am Nachmittag begleiteten das Blasorchester des TV 06 Berstadt und die Berschdbacher das Programm musikalisch.
In der Kirche war außerdem eine Verkaufsausstellung mit Aquarellen von Irmgard Fecht aus Kassel zu sehen. Der Erlös kommt dem Förderverein der Evangelischen Kirche Berstadt zugute.
Für viele Besucherinnen und Besucher bildeten jedoch die jahrhundertealten Originalfunde den Mittelpunkt des Tages. Bereits während ihrer Restaurierung hatten Fachleute die Berstädter Funde als außergewöhnlich bezeichnet. Sämtliche Gräber waren seinerzeit als sogenannte Blockbergungen geborgen worden. Dabei wurden die Fundstücke gemeinsam mit der sie umgebenden Erde entnommen und anschließend unter Laborbedingungen freigelegt. So konnten selbst Reste organischer Materialien wie Leder, Fell oder Textilien erhalten und wissenschaftlich untersucht werden.
Die wissenschaftliche Bearbeitung der Funde dauert weiterhin an. Schon die bisherigen Erkenntnisse verdeutlichen jedoch die herausragende Bedeutung des Gräberfeldes für die Erforschung des frühen Mittelalters in Hessen.